Nach oben
logo

Wildbienen am Haus, im Garten und in der Schule -
Fördern, beobachten und bestimmen

Als ersten Komplex der verschiedenen Aspekte des Schutzes und der Förderung von Wildbienen finden Sie auf den folgenden Seiten detaillierte Informationen darüber, wie man Wildbienen am Haus, im Garten und in der Schule fördern und durch regelmäßige Beobachtungen viel Neues entdecken kann. Die einzelnen Methoden wurden von mir alle praktisch erprobt. Sie beruhen auf Erfahrungen, die ich erstmals 1985 in der Broschüre »Wildbienen-Schutz in Dorf und Stadt« nach 8 Jahren Erfahrung mit Nisthilfen veröffentlicht habe. Regelmäßig teste ich auch käufliche Objekte auf ihre Eignung. So manches, was Sie auf anderen Internetseiten zu diesem Thema finden, wurde meinen Veröffentlichungen entnommen (meistens ohne Angabe der Quelle).

Dieses Wildbienenportal und die nachfolgend empfohlenen Maßnahmen sollen dazu beitragen, für die Wildbienen und damit für die Natur im Kleinen Begeisterung zu wecken.

Nur was man kennt, kann man, und was man liebt, will man schützen.

Mit den hier beschriebenen Nisthilfen können vom Frühjahr bis zum Herbst viele verschiedene Beobachtungen angestellt werden. Dies gilt für alle Altersstufen. Kindern bietet sich hier eine besonders gute Möglichkeit nicht nur zu Hause, sondern auch in der Schule faszinierende Phänomene aus allernächster Nähe zu beobachten. Gerade die Beschäftigung mit Wildbienen hilft, wie unzählige Projekttage und meine eigenen Schulungen gezeigt haben, Kinder und Jugendliche für komplexe Beziehungszusammenhänge zu sensibilisieren und ein Bewußtsein eigener Verantwortlichkeit durch das persönliche Betroffensein zu entwickeln.

Allerdings dürfen wir eines nicht vergessen:

Die besten Nisthilfen und ein noch so blütenreicher Garten ersparen bzw. ersetzen nicht die Schutzmaßnahmen in der freien Landschaft

Warum? Viele Arten der Wildbienen können aufgrund ganz spezieller ökologischer Ansprüche nicht im Wohnumfeld des Menschen existieren. Arten mit einer Bindung an ganz bestimmte Lebensräume können nur erhalten werden, wenn Trockenrasen, Magerwiesen, Dünen, Sandheiden, Felsfluren und Schilfröhrichte geschützt und sachgerecht gepflegt werden.

Allerdings können wir eine ganze Reihe von Wildbienenarten gezielt fördern, indem wir ihre Nistmöglichkeiten verbessern. Dies läuft letztlich auf die Nachahmung natürlicher Nistplätze hinaus, umfaßt aber weitaus mehr als die vielfach wenig tauglichen, oft sogar völlig unbrauchbaren »Insektenhotels«. Viel wichtiger und für die Förderung hochspezialisierter Arten wirksamer ist es jedoch, das Nahrungsangebot durch floristische Vielfalt zu bereichern.

In diesem Kapitel sind verschiedenste Möglichkeiten dargestellt. Prüfen Sie, ob eine der Möglichkeiten auch von Ihnen umgesetzt werden kann.

Mit allen Maßnahmen der Förderung von Wildbienen verbessern wir gleichzeitig auch die Lebensbedingungen vieler anderer Insekten. Von unseren Nisthilfen und dem besseren Nahrungsangebot profitieren z.B. auch verschiedenste Arten der

  • Echte Grabwespen (Crabronidae)
  • Wegwespen (Pompilidae)
  • Faltenwespen (Vespidae)
  • Schlupfwespen (Ichneumonidae)
  • Schmalbauchwespen (Gasteruptionidae)
  • Erzwespen (Torymidae, Eurotymidae, Leucospididae, Eulophidae)
  • Goldwespen (Chrysididae) > zur Fotogalerie
  • Keulenwespen (Sapygidae)
  • Käfer (u.a. Melioidae, Cleridae) und
  • Fliegen (u.a. Bombyliidae, Conopidae, Drosophilidae)

Die folgende Bilderserie zeigt keine Wildbienen, sondern beispielhaft einige Arten der vorstehend aufgeführten Gruppen, die an Nisthilfen mehr oder weniger regelmäßig zu beobachten sind. Dabei handelt es sich sowohl um nestbauende Arten als auch um deren Gegenspieler, z. B. Futterschmarotzer.

  • passaloecus_eremita_fs.jpg
    Passaloecus eremita - Echte Grabwespen (Familie Crabronidae)
    Die recht unscheinbare, schwarz-glänzende Grabwespen-Art Passaloecus eremita zeigt eine starke Bindung an Kiefern, wo man die Nester leicht in den Verpuppungsräumen einer Blattwespe in der Kiefernrinde findet. Sie nutzt aber auch die Fraßgänge von Anobien (»Holzwürmern«) in totem Holz und nimmt Bohrungen mit einem Durchmesser von 3-4 mm in Nisthilfen gern an (vor allem in der Nähe von Waldrändern). Die Nester sind leicht von denen anderer Passaloecus-Arten zu unterscheiden durch die Verwendung von Kiefernharz für den Bau der Zwischenwände und den Nestverschluß. Der frische Nestverschluß ist weißlich und wird nach dem Aushärten matt und gelb. Schon vor Beginn der Verproviantierung des Nestes wird der Nesteingang ringsum mit Harztröpfchen versehen.
  • wegwespe003_fs.jpg
    Wegwespen (Pompilidae)
    Wegwespen jagen Spinnen als Nahrung für ihre Brut. Nur wenige Arten besiedeln auch Nisthilfen. Hierzu gehören Dipogon hircanum, Dipogon nitidum und Auplopus carbonarius. Viele Arten sind anhand von Fotos nicht zu bestimmen
  • ancistrocerus_antilope_08_5686_612_fs.jpg
    Ancistrocerus antilope - Faltenwespen (Familie Vespidae)
    Mehrere Arten solitärer Faltenwespen sind als Besiedler von Bohrungen von Nisthilfen bekannt. Hierzu gehören vor allem Vertreter der Gattungen Ancistrocerus, Euodynerus, Microdynerus und Symmorphus. Als Nahrung für ihre Brut tragen sie gelähmte Larven von Kleinschmetterlingen oder Rüsselkäfern ein. Die hier abgebildete Art nistet vorwiegend in Gängen mit einem Durchmesser von 6 mm. Sie besiedelt sowohl Bambusröhrchen als auch Bohrungen in trockenem Holz. Die Beutetiere sind Kleinschmetterlingsraupen. Ein Weibchen ist gerade dabei, den Pollen aus einem bereits von Osmia bicornis zuvor genutzten Nest auszuräumen, um selbst darin zu nisten.
  • ephialtes_fs.jpg
    Ephialtes manifestator - Schlupfwespen (Familie Ichneumonidae)
    Diese Schlupfwespe ist ein Parasitoid (Raubparasit) vorwiegend bestimmter Osmia-Arten, insbesondere von Osmia florisomnis und Osmia rapunculi, deren Brutzellen sie an meinen Nisthilfen alljährlich mit Eiern belegt. Auf dem Foto ist zu erkennen, wie der Legebohrer in den Nestgang geführt wird, in dessen Innern sich Zellen von Osmia florisomnis befinden. Die sehr ähnlichen Arten der Gattung Ephialtes sind auf einem Foto ohne Belegexemplar nicht sicher zuordnen. Ephialtes manifestator ist die häufigste Art der Gattung in Mitteleuropa.
  • gasteruption_08_11378_fs.jpg
    Gasteruption jaculator (Weibchen) - Schmalbauchwespen (Familie Gasteruptionidae)
    Wegen ihrer keulenartig verdickten Hinterschienen werden sie (wenig glücklich) auch Gichtwespen genannt. Der Legebohrer des Weibchens kann je nach Art sehr kurz oder mehr als körperlang sein. Alle Arten der Gattung Gasteruption sind Futterparasiten von Wildbienen. In Mitteleuropa sind die Wirte der 18 Gasteruption-Arten meist Maskenbienen (Hylaeus), aber auch Seidenbienen (Colletes), Löcherbienen (Osmia partim), Mauerbienen (Osmia), Keulhornbienen (Ceratina) und Spiralhornbienen (Systropha). [Die abgebildete Art hat vor der Occipitalleiste am Hinterrand des Kopfes im Gegensatz zu Gasteruption pedemontanum und G. tournieri keine grubenartigen Vertiefungen.]
  • leucospis_dorsigera_02_fs.jpg
    Leucospis dorsigera - Erzwespen (Familie Leucospididae)
    Diese Hautflügler-Familie enthält nur wenige, verhältnismäßig große, auffällig schwarzgelb gefärbte Arten, die sich durch stark verdickte, bezahnte Hinterschenkel und im weiblichen Geschlecht durch einen über den Rücken des Abdomens nach vorn gebogenen Legebohrer auszeichnen. Leucospis dorsigera ist in Mitteleuropa weit verbreitet, wird aber meist nur einzeln beobachtet. Regelmäßig habe ich sie an meinen Nisthilfen festgestellt, wo sie vor allem bei Osmia adunca schmarotzt.
  • chrysis_austriaca_08_0369_fs.jpg
    Chrysis austriaca - Goldwespen (Familie Chrysidiae)
    Die prachtvoll rot, blau, grün oder golden metallisch glänzenden Tiere gehören zweifellos zu den schönsten Hautflüglern. Einie Arten sind regelmäßig an Nisthilfen anzutreffen, wenn hier auch ihre Wirte nisten. Zu diesen gehören Grab- und Faltenwespen, aber auch Wildbienen. Die im Foto gezeigte Chrysis austriaca schmarotzt u.a. bei Osmia adunca.
  • sapyga_clavicornis_mf_fs.jpg
    Sapyga clavicornis - Keulenwespen (Familie Sapygidae) (Männchen oben, Weibchen unten)
    Diese Familie ist in Mitteleuropa nur mit vier Arten verteten. Drei lassen sich regelmäßig auch an Nisthilfen beobachten. Am häufigsten ist die im Foto gezeigte Sapyga clavicornis, die bei Osmia florisomnis als Futterparasit schmarotzt. Die ganz schwarze Sapygina decemguttata lebt bei Osmia truncorum und Osmia crenulata. Sapyga quinquepunctata ist deutlich seltener. Im Bereich unserer Nisthilfen ist meist Osmia caerulescens der Wirt. Die seltenste Art ist Sapyga similis, die vor allem an Waldrändern und im Gebirge vorkommt und u.a. bei Osmia parietina und Osmia inermis schmarotzt.
  • trichodes_alvearius_05_1264_fs.jpg
    Trichodes alvearius - Buntkäfer (Familie Cleridae)
    Trichodes alvearius und Trichodes apiarius, zwei metallisch blau und rot gefleckte Cleriden von 10-16 mm Körpergröße entwickeln sich in Nestern solitärer Wildbienen, vor allem oberirdisch nistender Blattschneider- und Mauerbienen, wo sie die eingetragenen Nahrungsvorräte oder die Brut fressen. Sie heißen daher auch Immenkäfer oder Bienenwölfe (Namensgleichheit mit bestimmten Grabwespen) und können zum Typ des Räubers gerechnet werden. Ihre Larven können lange Hungerperioden überstehen.
  • anthrax_anthrax_fs.jpg
    Anthrax anthrax - Wollschweber (Familie Bombyliidae)
    Als Adulte sind Wollschweber typische Blütenbesucher, die sich mit Hilfe ihres langen Saugrüssels von Blütennektar ernähren. Ihre Larven leben, soweit bekannt, als Raubparasiten (Parasitoide) vor allem an Larven verschiedener Wildbienen, die sie aussaugen, aber auch an Wespen- oder Käferlarven und anderen Insekten. An Nisthilfen tritt meistens der Trauerschweber (Anthrax anthrax) auf. Vor dem Nesteingang steht das Weibchen im Schwebflug und bewegt sein Abdomen blitzschnell nach unten und nach vorne in Richtung Eingang. Vermutlich wird hierbei das Ei abgelegt. Nach dem Schlüpfen kriecht die Fliegenlarve in eine Brutzelle des Wirtes. Dort wartet sie, bis die Wirtslarve den Futtervorrat verzehrt hat und macht sich dann über sie her.


Anmerkungen:
Viele der auf den folgenden Seiten gemachten Empfehlungen finden sich bereits in meinem Grundlagenwerk zum Artenschutzprogramm des Landes Baden-Württemberg »Die Wildbienen Baden-Württembergs« (Westrich 1989, 1990). Sie sind in veränderter Form auch enthalten in den Broschüren »Wildbienen-Schutz in Dorf und Stadt« (von 1983 bis 1989 in drei Auflagen erschienen) und »Wildbienen am Haus und im Garten« (zwei Auflagen von 1997 bis 1999), die von der Landesanstalt für Umwelt, Messungen und Naturschutz Baden-Württemberg herausgegeben wurden und die die Erstellung der Broschüren finanziell gefördert hat. Diese sind leider vergriffen und können auch über mich nicht mehr bezogen werden. Lediglich die zweite Broschüre wurde von der Landesanstalt für Umwelt, Messungen und Naturschutz Baden-Württemberg als PDF zum Download (13,7 MB)  # ins Internet gestellt, allerdings in nicht gerade hoher Qualität.

Detaillierter und reicher bebildert sind die Themen »Nisthilfen - Wohnraum für Wildbienen« und »Der Garten als Nahrungsraum für Wildbienen« in meinem aktuellen Buch behandelt, das aufgrund des großen Erfolgs bereits in der 5. Auflage vorliegt.

Zur nächsten Seite dieses Kapitels >